Abschied

 

Ich habe es immer gewusst, dass Du mich nur einen Abschnitt begleitest.

Als Deine Mutter, diese Zicke, sich doch tatsächlich die Freiheit nahm, sich von dem eigens für sie ausgesuchten Rüden nicht auf Anhieb decken zu lassen (tat sie dann doch, warum soll bei Euch die Natur zimperlicher sein’).. Ich wusste es, aber Du warst ja noch nicht einmal gezeugt.

Als Ihr noch alle beisammen wart, Muttern suchte sich die Kleinste und Süßeste, und damit, wie sich zeigte Selbstbewussteste aus. Ich wusste es, aber das war doch ganz am Anfang.

In der Welpenschule, Du warst fast die Kleinste, beim Spielen das Kaninchen, Killerkaninchen eher, Haken schlagen, stolpern lassen und die Anderen waren dann nicht mehr groß. Für mich warst Du der Star. Natürlich waren alle der Star, Joschua, das tollpatschige Rottweilerwelpen (Du und er, Schnauze an Schnauze, eine Lachnummer für sich), Arabella, Deine ewige Kindergartenliebe. Ich wusste es,  aber Du warst ja ein Welpe. Alles neu, alles das erste Mal gesehen und erlebt. Das erste Moospolster im Wald, der erste Schnee.

Dein Größenwahn, fast Dein ganzes Leben das Kennzeichnende für Dich. Ein Stock muss 3x so groß sein wie Du, sonst ist er keiner. Der andere Hund ist 3x so groß, na und, ich bin ich.

Deine Abenteuerlust, aber auch das Gegenteil. Der Wald war Deiner, die Couch aber auch. Es leben die Pfützen, Kröten und Igel, schwieriges Gelände gibt es nicht. Aber Regen und früh aufstehen, das muss nicht sein. Auch deswegen liebte ich Dich.

Dein Selbstbewusstsein, Deine Verträglichkeit. Ich bin das Zentrum der Erde, aber wir sind alle ein Rudel. Es gibt keine Feinde, und kommt ein Einbrecher, dann such' ich gleich mit.

Die Jahre vergingen, wir erlebten sie, tiefer Schnee, den zu früh aus dem Winterschlaf  erwachten Frosch, den ich beim Bärlauchpflücken vor Deiner spielerischen Neugierde retten musste,  die Äpfel im Sommer, tolles Spielzeug, rollt und essen kann man es auch, die Trauben hängen teilweise zum Glück auch in Bullyhöhe. Frühling, Sommer, Herbst und Winter, die Vergänglichkeit wusste ich, aber Du warst doch die Gegenwart.

Bis jetzt.

Und jetzt ist eben der Zeitpunkt, wo all das, was ich die ganzen 12 Jahre wusste, auf einmal Gegenwart ist, nicht mehr Zukunft, die ich verdrängen kann. Vermutlich morgen schon wirst Du mich verlassen. Wohin Du gehst, weiß ich nicht, ein Land ohne Zurück. Ich bleibe, Du bist weg. Es bleiben die Erinnerungen, - an 12 wunderbare Jahre. An einen Hund, in dem sich ein Teil von mir selbst widerspiegelte.

Es tut weh, diese Ohnmacht. Und es sagt sich so leicht, dass man los lassen können muss. Flory, ich kann Dich nicht loslassen, werde es nicht können. Aber Du sollst bei dem Unvermeidbaren nicht leiden, und ich werde das Bewältigen lernen.

Du wirst sterben, vermutlich schon morgen. - Du wirst gehen, und doch bleiben, so bleiben, wie Du Dein ganzes Leben warst.

Danke Flory.

Floh vom Bully-Haus -  geb. 12.04.1998  gestorben  06.02.2010   

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